Der Schatz des Tupac Amaru

Anfang 1935 kam George M. Baker-Cresswell, ein junger englischer Soziologe, mit der Absicht das Leben der in den nördlichen Anden lebenden Indianer zu erforschen, nach Quito. Auf einem Empfang lernte er Don Jacinto Jijon y Caamano kennen, den Nachfahren einer alten spanischen Familie. Dieser war ein leidenschaftlicher Sammler lateinamerikanischer Geschichte. Er beherbergte in seinem Haus die größte Kunstsammlung Südamerikas. Don Jacinto fand den englischen Forscher sympathisch und gestattete ihm, in seiner Bibliothek zu recherchieren. Die Bibliothek erstreckte sich über drei Stockwerke und, enthielt eine Buchsammlung, die ihresgleichen suchte. Ende 1935 stieß Baker-Cresswell hier inmitten alter spanischer Drucke aus der Zeit der Conquista auf mehrere alte Aktenbündel. Die mit großen Siegeln versehenen vergilbten Blätter waren mit altspanischen Texten beschrieben und stammen offensichtlich aus dem geheimen Archiv des berüchtigten Tribunals Inquisition de Lima. Mehrere Jahre später, Cresswell hatte die Akten, die noch immer in seinem Besitz waren schon wieder vergessen, erreichte in die Nachricht vom Tod Don Jacintos in Quito, was die Erinnerung an die alten Akten aus dessen Bibliothek wachrief. Ein guter Bekannter Cresswell in Kairo war Sprachwissenschaftler und beherrschte auch die altspanische Sprache. Mehr aus Spaß brachte Cresswell diesem bei einem Besuch die Akten, zur Übersetzung mit. Schon kurze Zeit später erhielt er die nun übersetzten Papiere zurück. Es waren Dokumente, die aus dem geheimen Archiv des Vizekönigs von Peru in Lima stammten; irgendjemand musste sie dem Inquisitionstribunal übergeben haben. Ihr Inhalt: Protokolle der Aussagen des Tupac Amaru, die dieser unter Anwendung schwerster Torturen, vom 10. April bis 16. Mai 1781 in Cuzco vor dem königlichen Richter Don Areche gemacht hatte. Tupac Amaru war der letzte nominelle Sapa-Inka, Herrscher des Inkareichs Tawantinsuyu: (= Quechua: Reich aus vier Teilen mit Sitz in Cuzco):


  1. Urin Qusqu (Unter-Cusco)
  2. Hanan Qusqu (Ober-Cusco)
  3. Tawantinsuyu
  4. Vilcabamba


Als man Tupac Amaru versprach, seine Familie vor ähnlichen Torturen zu bewahren, wenn er aussagen würde, gab er seinen Peinigern Einzelheiten über das Versteck des Schatzes bekannt, den der Inkaherrscher Huascar im Jahr 1528 vor den herannahenden Armeen seines Bruders Atahualpa weggeschafft hatte. Dieser Schatz war, neben den Schätzen von Pachacamac, Titicaca und Quito der größte Inka Schatz. Er bestand aus lebensgroßen goldenen Statuen, Thronsessel, Sonnenscheiben, sämtliche den Inkas bekannten Tieren, alles aus Gold und Silber geschmiedet und mit kostbaren Edelsteinen besetzt. Zum Schatz soll auch die bis heute verschollene, legendäre Kette des Huascar gehört haben. Der Inkaherrscher Huayna Capac (11. Inkakönig) ließ die Kette anlässlich der Geburt seines ersten Sohnes im Jahre 1508 schmieden. Er nannte seinen Erstgeborenen "Freude der Sonne". Später wurde dieser unter dem Namen Huascar (12. Inkakönig) bekannt. Sein Bruder Atahualpa war 13. und letzter König des Inkareichs. Die Kette umspannte bei religiösen und nationalen Feierlichkeiten den Hauptplatz von Cuzco. Die Kette war nach Berichten des peruanischen Chronisten El Inca Garcilaso de la Vega, Sohn des spanischen Conquistadors Sebastián Garcilaso de la Vega y Vargas und einer Nichte des Inkaherrschers Huayna Cápac 230 m lang und musste von 250 Männern getragen werden. Sie soll mehr als zwölf Tonnen gewogen haben. Nachdem man alles Wissenswerte von ihm erfahren hatte, wurde Tupac Amaru, am 17. Mai 1781 vor der Kathedrale von Cuzco enthauptet. Die Protokolle enthielten eine Beschreibung des Schatzes, dazu genaue Hinweise auf ihr Versteck, detaillierte Angaben über den Weg dorthin - und das Wichtigste: ein Losungswort. Der Indianerstamm, der das Gebiet in dem der Schatz verborgen wurde, bewohnte, war 1528 von den höchsten Priestern des Sonnentempels aus Cuzco, unter Androhung der Rache des Sonnengottes vereidigt worden, ihn vor jedem Eindringling zu bewahren. Dem Vernehmungsprotokoll war eine von Tupac Amaru eigenhändig angefertigte Art von Skizze beigefügt. Diese zeigte das von wilden Kopfjägerstämmen bewohnte Territorio de acre am Fuße der Ostanden, nördlich des Dreiländerecks Peru, Bolivien und Brasilien, und enthielt Orte, Berge und Flussnamen. Einige der Bezeichnungen auf der Karte waren in Altspanisch, der größere Teil trug aber die Namen aus der Inkazeit. Von mehreren spanischen Expeditionen, die kurz nach der Hinrichtung Tupac Amarus auf der Suche nach dem Schatz bis in das Territorio de acre vorgedrungen waren sind die meisten nicht zurückgekehrt. Es soll nur wenigen Überlebenden gelungen sein, den Weg zurückzufinden. Viele Jahre später erfuhr der Sohn George M. Baker-Cresswells von seinem Vater, die Geschichte des Inka-Schatzes. Cresswell hatte die spanischen Dokumente in einem Safe in London die ganzen Jahre aufbewahrt. Der 20-jährige Charles W. Baker-Cresswell war sofort Feuer und Flamme. Er will das Inkagold finden. Im Jahre 1958fuhr er nach Lima, arbeitete dort zum Lebensunterhalt mehrere Jahre als Radiotechniker, studierte nebenbei die Quechua Sprache und sammelte alle erreichbaren Informationen über das Territorio de Acre. Im September 1962 war es so weit. Mit einem Freund, dem Indio Roberto Mendoza, plante er eine Expedition in das Territorio de acre. Mendoza sprach einige Indianerdialekte des Amazonas, was sicher von Vorteil war. Am 15. November 1962 reisten beide nach Brasilien. Sie gedachten von der Hafenstadt Manaos am Amazonas auf seinen zahlreichen Nebenflüssen das gesuchte Gebiet im Territorio de acre zu erreichen. Für ihre Zwecke hatten sie ein ausgedientes US-Sturmboot gekauft . Diese flachen Boote hatten einen besonders stabilen Rumpf und waren für Fahrten über die gefährlichen Nebenflüsse des Amazonas bestens geeignet. Charles hatte auch ein automatisch arbeitendes Sendegerät dabei, das er in der Nähe des Schatzversteckes zurückzulassen beabsichtigt. Der Sender sollte den Flugzeugen der eigentlichen Schatzbergungsaktion, die sie nach erfolgreicher Rückkehr mithilfe der brasilianischen Luftwaffe unternehmen wollten, die Ortung des Schatz-Versteckes im endlosen Dschungel ermöglichen. Anfang Dezember 1962 traf die Besatzung eines brasilianischen Polizei-Patrouillenbootes auf dem Rio Purus, ein rechter Nebenfluss des Amazonas, auf Charles William Baker-Cresswell und Roberto Mendoza. Danach wurden die beiden jungen Männer nicht mehr gesehen. Zwei Jahre später, im November 1964, fand der Diamantensucher Matteo Barcelos, der das Gebiet des Rio Pauini, durchstreifte, am linken Ufer des Flusses Reste eines Lagers. Der Rio Pauini ist ein Nebenfluss des Rio Puru. Wenige Schritte vom Lager entfernt stieß er auf ein Skelett und einen zerrissenen Plastikbeutel mit einem durchnässten Bündel einzelner Seiten eines Notizblocks. Es waren Fragmente des Tagebuches von Charles W. Baker-Cresswell. Von seinem Freund Roberto Mendoza fehlt bis heute jede Spur.


Kurze Zusammenfassung der Tagebuchseiten:


  •  Mittwoch, 5. Dezember 1962: Wir steuerten auf dem Rio Purus. Wir müssen unsere ganze Aufmerksamkeit auf den Fluss richten, damit das Boot nicht einen der vielen Baumstämme rammt, die aus dem Fluss ragen. Kurz nach Mittag kam uns ein Patrouillenboot der Polizei entgegen; sie waren ähnlich überrascht wie wir, dass man an diesem Ende der Welt noch ein Motorboot treffen kann. Sie wendeten und sind eine Viertelstunde mit uns gefahren. Dann wendeten sie im großen Bogen und verschwanden.


  •  Sonntag, 9. Dezember 1962: Wir treffen gegen vier Uhr auf einen Angehörigen des Volks der Asháninka (abschätzig Kampa-Kampa).  Er nimmt uns mit in sein Dorf, wo wir den Häuptling treffen sollen. Ihre Siedlung, zehn große Palmenhütten, liegt auf einem kleinen Hügel ungefähr 2 km von hier am Rio Pauini .


  • Donnerstag, 13. Dezember1962 (Rio Pauini): Der Häuptling gibt uns drei seiner Leute, die uns zum runden See begleiten sollen. Jetzt sitzen sie in unserem Boot und lauschen etwas unsicher den Motorgeräuschen. Ihr Kanu haben wir ins Schlepp genommen . . . Der Weg durch das Wasserlabyrinth der großen und kleinen Flüsse mit ihren Nebenarmen, wo man nichtweiß, wo ein Fluss mündet und der andere beginnt, ist zwar fast fünfmal länger als durch den Dschungel. Aber der Fußweg hätte bedeutet, dass wir das Boot irgendwo herrenlos beider Siedlung am Ufer lassen und uns mit dem gesamten Gepäck einen Weg durch den Urwald bahnen müssten . . .


  •  Sonntag, 16. Dezember 1962: Heute Nachmittag gaben uns unsere drei Begleiter durch Winken und Gestikulieren zur Kenntnis, dass wir ans linke Ufer steuern sollten. Etwa zwei Marschstunden von hier soll der Runde See liegen. Wir verstecken das Boot und marschieren auf einem schmalen fast nicht wahrnehmbaren Pfad in den dichten Dschungel. Nach etwa zwei Stunden lichtete sich das Unterholz, und der Pfad wurde breiter. Mit einem Mal kamen uns wohl 15splitternackte Krieger entgegen. Sie kreisten uns ein und führten uns nach langen Diskussionen mit unseren drei Begleitern in Richtung einer Rodung . . . Und dann standen wir inmitten einer Reihe von Hütten, die die Siedlung darstellten. Alles, was laufen konnte, war auf den Beinen - jeder drängte sich heran, um uns anzufassen. Sie gehörten zum Stamm der Kaschinava, einer Untergruppe der Pano-Indianer. Unsere drei Indios führten ein langes Palaver mit dem Häuptling. Wie wir aus dem, was sie uns später berichteten, verstanden, wusste er schon seit gestern vormittags, dass wir unterwegs in diese Richtung waren. Er sagt „Wir können so lange bei ihnen bleiben, wie wir wollen“. Auf meine Frage, wieweit es bis zum Runden See, dem ersten Merkzeichen von Tupac Amaru, sei, ging der Häuptling mit uns hinter die Hütten, die dicht am Waldrand stehen - und ich sah den Runden See! Er ist so vollkommen rund - wie mit dem Zirkel gezogen. Zwei symmetrische, wie kleine, grüne Pyramiden aussehende Hügel, dicht mit verschiedenen Gewächsen bedeckt, stehen zu beiden Seiten des Sees. Erst als ich wenige Schritte vor ihnen /stand, sah ich unter dem Bewuchs große, kantige, aufeinandergestapelte Steinblöcke ähnlich denen, die ich in vielen Ruinenstädten Perus gesehen habe. Es sind die zwei Schreine, die TupacAmaru in seinen Aussagen erwähnte und auf die Karte zeichnete, da sie der Wegweiser zum nächsten Merkzeichen im Gebiet der Cakinas-Indianer, ebenfalls einer Untergruppe der Pano-Indianer sind. Ich wollte die Richtung der Achse ermitteln, die die beiden Schreine bilden, aber die Nadel der Bussole (Kompass) begann wie verrückt zu tanzen. Das bestätigte meine Vermutung, dass der See einfach die Einschlagstelle eines riesigen Meteoriten ist, der durch seinen gewaltigen Metallgehalt die Kompassnadel zum Tanzen bringt.


  • Freitag, 21. Dezember 1962: Wir sind mit unserem Boot und vier neuen Reisegefährten aus der Steinzeit, auf dem Fluss tiefer ins Gebiet der Cakinasindianer gefahren. Gegen 4 Uhr nachmittags erreichten wir den zweiten Wegweiser - er soll auf einem kleinen Plateau, eine halbe Stunde vom Fluss entfernt sein; wenn er wirklich da ist - denn nach meiner Berechnung (Tupac Amaru sprach von drei Tagen Marsch) müssten wir nach einem Tag Bootsfahrt und einem weiteren Tag Marsch den dritten und letzten Wegweiser erreichen. Wir ließen zwei unserer Führer mit am Ufer beim Boot zurück. Schon nach wenigen Metern war der Fluss hinter uns verschwunden. Wir gingen Immer bergauf, Nach einer halben Stunde standen wir auf einem wenige Quadratkilometerzählenden, spärlich bewachsenen Plateau. Einige 100 Meter vom Rande des Dschungels entfernt befand sich der zweite, riesige Meteorkrater, gut 15 Meter tief und ungefähr 50 Meter breit, mit üppigem Buschwerk bewachsen, im Gegensatz zu dem ersten ohne Wasser. Auch Tupac Amaru sprach von einem göttlichen, Feuer speienden Kanu, das noch vor den ersten Inkas eines Nachts im Territorio de acre auf die Erde kam. Es soll mit Krachen, hundertmal stärker als Donner, geschehen sein, und sein langer Feuerschweif hatte auf seinem Weg das ganze Land verbrannt und alles zu Boden geworfen. Als wir zum Boot zurückkamen, war es schon fast dunkel.


  •  Samstag, 22. Dezember 1962 (Rio Pirapora): Den ganzen Tag schlängelten wir uns durch brausendes, tobendes Gewässer - es war unbeschreiblich heiß. Abends, schon fast in der Dunkelheit, zeigte uns unser Führer eine ruhige Bucht. Wir bleiben hier über Nacht und werden morgen früh zu Fuß weitermarschieren. Von hier soll der kürzeste Weg zum Stamm der Cakinas führen. Schon bei dem Gedanken, dass wir wieder zwei volle tagelang durch den Dschungel marschieren müssen, graut es mir. Im Vergleich dazu ist die Bootsfahrt - obwohl sie schon fast sechs Wochen dauert - ein schöner Ausflug. Wir haben zwar auf dem Fluss einen riesigen Bogen von fast 1800 km gemacht, aber ich habe ja immer gesagt, eine Woche auf dem Wasser ist besser als ein Tag in dieser grünen Hölle . 


  • Sonntag, 23. Dezember 1962: Nach wenigen Stunden Marsch durch den dichten Dschungel erreichten wir die ersten Ausläufer der Kordilleren. Die ganz und gar klaren Bäche sind hier durchzogen von Quarzadern; manche sind rein wie Bergkristalle. Während einer Rastpause habe ich mit dem Kochgeschirr den Kies ausgewaschen - schon nach wenigen Minuten hatte ich eine ganze Randvoll Goldkörner. Roberto fand ein paar Nuggets, so groß wie Haselnüsse. Dann zogen wir weiter. Es begann zu regnen. Von einem steilen Hang aus konnten wir dann auf eine Ebene hinabsehen. In der Ferne war ein einsamer Berg zu sehen, dessen Gipfel sich in den tief liegenden Wolken verlor. Etwa um 19 Uhr hatten wir ein Plateau erreicht und schlugen hier unser Nachtlager auf.


  • Montag, 24. Dezember 1962: Eine halbe Stunde nach Sonnenaufgang schon waren wir unterwegs. Die Luft ist faulig und drückend. Die Kaschinava zeigten Roberto in nordwestlicher Richtung - hinter dem ersten Berg beginnt schon das Land der Cakinas. Morgen Nachmittag müssen wir dort sein. Ich muss immer wieder an Tupac Amaru und seine letzten Aussagen denken. Stimmt die Wegbeschreibung überhaupt? Bis jetzt ist seine Beschreibung richtig. Die ersten zwei Merkmale stimmen mit der Beschreibung überein. Hoffentlich stimmt die Dritte auch. Und das Wichtigste, das Losungswort, ob es stimmt? Wie werden die Cakinas, die schon von ihren wilden Nachbarn gefürchtet werden – mit uns verfahren?


  • Dienstag, 25. Dezember 1962: Um 12.30 Uhr waren wir auf dem Berg. Aus dem Tal unten stieg ein dünner Rauchstreifen auf. Wir sahen dunkle Flecken, die Dächer von Hütten. Es war so weit. Nach einer halben Stunde ungefähr waren wir im Tal angelangt, Und da tauchten plötzlich hinter uns auf dem Pfad, auf dem wir gekommen waren, fast 20 nackte, unseren Reisegenossen ähnliche Indianer auf. Sie waren wohl auf der Jagd gewesen, denn sie trugen einige Affen. Jedenfalls machten sie keinen feindseligen Eindruck. Nach einigen Minuten des gegenseitigen anstarren brachten sie uns in ihr Dorf. Dort wurden wir von der gesamten Dorfgemeinschaft umringt. Einer unserer vier Begleiter begann, so gut er konnte, einem stattlichen Mann, in dem ich mit Recht den Häuptling vermutete, lange und ausführlich unser hier sein zu erklären. Ich zog ein Fahrtenmesser aus dem Hosengurt und reichte es dem Häuptling feierlich als Gastgeschenk. Er betrachtete es sehr eingehend, sagte dann etwas zu einem seiner Leute, der verschwand und nach wenigen Augenblicken mit einem reich verzierten Degen zurückkam, den mir der Häuptling reichte. Ich konnte das Wort Toledo noch darauf entziffern. Mir fiel mir auf, dass fast alle Dorfbewohner kleiner waren als unsere vier Begleiter sind; viele von ihnen waren auch bedeutend heller und hatten Europäern auffallend ähnliche Gesichtszüge. Die mitgebrachte Jagdbeute wurden zur Feier des Tages geopfert; Nachdem wir in einer Hütte ausgiebig gespeist hatten, fragte ich den Häuptling mithilfe unseres Dolmetschers, wo er den Degen herhabe. Ohne zu antworten, führte mich der Häuptling in einen anschließenden, düsteren Raum. Ich sah dort ganze Haufen von Kriegszeug, das Wände und Boden bedeckte. Es sah wie in einer Rumpelkammer für Theaterrequisiten aus. Handfeuerwaffen, Kochgeschirr, Wasserfilter, Patronengurte, Kruzifixe - alles durcheinander und von Spinnweben überzogen. Der Häuptling brachte aus einer anderen Ecke des Hauses ein rundes, hohes Glasgefäß, mit einem Glaskorken verschlossen. Es nicht aus der Hand lassend, zeigte er es mir. Durch das staubige Glas waren ein vergilbtes Bündel in spanischer Sprache beschriebenen Papiers und eine Karte zu erkennen. Der Häuptling erzählte uns, dass er dies alles von seinen Vätern geerbt habe und dass es schon sehr lange im Besitz seiner Familie sei. Offensichtlich einige Überbleibsel der Spanier die hier erfolglos nach dem Schatz des Tupac Amaru gesucht hatten. Ich habe heute auch erfahren, dass das dritte und letzte Merkmal, die überdimensionale Zeichnung eines Kondors auf einem kahlen Plateau, wie Tupac Amaru ausgesagt hatte, tatsächlich da ist. Sie soll nur zwei Marschstunden entfernt von hier in den Bergen sein. Wenn wir wollen, wird der Häuptling uns morgen persönlich dorthin führen.


  • Mittwoch, 26. Dezember 1962: Am nächsten Tag marschierten wir los. Zusammen mit dem Häuptling an der Spitze zogen wir in die Berge. Gegen Mittag kamen wir auf einem Plateau zwischen zwei Bergen an. Es war flach und fast kahl, bedeckt mit verwittertem Gestein. Die Fläche war von unregelmäßigen, in alle Richtungen verlaufenden Furchen durchzogen. Wir überquerten das Plateau und gingen weiter bergauf. Als wir fast eine halbe Stunde marschiert waren, zeigte der Häuptling nach  unten. Etwa 100 Meter tief breitete sich das Plateau aus, und in der Mitte, fast den ganzen Platz füllend, sahen wir die Zeichnung des heiligen Kondors. Ähnlich wie die Zeichnungen einer überdimensionalen Spinne und eines Kolibris, von denen ich in Lima Luftaufnahmen gesehen habe. Der Schnabel des Kondors zeigt auf den gegenüberliegenden Berghang. Da liegt das Gold Huascars! Wie Tupac Amaru ausgesagt hat, ist zehn Schritte vom Schnabel entfernt im Berg der Höhleneingang, der mit Llanki, dem Zement der Inkas, verschlossen ist. Ich hielt den Augenblick für gekommen, dem Häuptling das Losungswort zu sagen. Da packte er ganz ergriffen mit beiden Händen meinen Arm und begann, erregt auf mich einzureden. Roberto winkte dem Dolmetscher. Der Dolmetscher übersetzte Wort für Wort, so wie er verstand, was der Häuptling sagte: Er, sein Vater und seines Vaters Vater haben immer gewartet, dass wir einmal kommen werden; sein Stamm musste vor langer, langer Zeit schwere Kampfe gegen die weißen Männer führen, und er selbst wusste, dass wir eines Tages kommen würden. Wir sind dann zum Plateau zurückgekehrt. Unten angekommen, sahen wir, dass eigentlich nichts zusehen ist, das heißt: Die Zeichnung des Kondors verliert sich vollständig im allgemeinen Muster des rissigen Gesteins. Morgen werden wir am Berghang nun den Sender unterbringen und dann zurückreisen. In zwei Monaten spätestens muss alles erledigt sein. Mit dem Hubschrauber kann man in zwei oder höchstens drei Etappen hierherkommen. Damit endet die Seiten aus dem Tagebuch.


Anmerkung des Autors: Zwei Jahre später (November 1964) wurde der Schädel von Charles William Baker-Cresswell im Territorium de acre gefunden. Er wurde wahrscheinlich getötet, bevor er der Welt von dem Gold erzählen konnte. Alles, was gefunden wurde, sind ein Skelett und einen zerrissenen Plastikbeutel mit einem durchnässten Bündel einzelner Seiten eines Notizblocks.( Fragmente des Tagebuches von Charles W. Baker-Cresswell). Sein Freund Robert Mendoza wird immer noch vermisst. Doch es gibt eine ziemlich genaue Beschreibung des Ortes der Schätze im Tagebuch. Vielleicht lohnt sich eine Suche. Das Territorium de acre ist eine immer noch weitestgehend aus Äquatorialwäldern bestehende Hochebene mit einer durchschnittlichen Höhe von 200 Metern. Ein großer Teil des Gebietes besteht aus Schutzwäldern und Waldreservaten. Die Hauptflüsse von Acre sind: Juruá, Purus, Acre, Tarauacá, Muru, Envira und Xapuri. In diesem Dreiländereck von Brasilien, Bolivien und Peru gibt es abgegrenzte Indianerschutzgebiete wie Mamoadate, Katukina, Cabeceira do Rio Acre, den Caeté River, den Iaco River und den Purus River, in denen die indigenen Völker der Yaminawá, Yawanawá und Katukina leben, die Pano-Sprachen sprechen; Und die Machineri und Piro, die Arawak-Sprachen sprechen. Darüber hinaus leben mehrere unkontaktierte indigene Bevölkerungsgruppen im Territorium.

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