Die Handschrift B

Grundlage dieser Recherche ist die Handschrift B.


An der Handschrift B arbeiteten vermutlich drei verschiedene Schreiber. Die ersteren beiden sind kaum zu unterscheiden und arbeiteten beide auf hohem kalligrafischem Niveau. Ein dritter Schreiber, möglicherweise ein Schüler (einfache Abschreibearbeiten wurden auch von Anfängern ausgeführt), arbeitete wohl weniger sorgfältig, da wiederholt Schreibfehler auftraten und deshalb Korrekturen vorgenommen wurden. Bei der Herstellung von Büchern gab es mehrere Produktionsschritte. Zuerst begann der Skriptor (Schreiber), mit dem eigentlichen Schreiben. Manchmal arbeiteten auch mehrere Schreiber parallel an verschiedenen Textabschnitten. Nach Fertigstellung des Haupttextes erfolgte die Einfärbung und Hervorhebung besonderer Textstellen durch den Rubrikator. Das waren in der Regel rote und blaue Anfangsbuchstaben, aber auch farbige Überschriften. Abschließend wurde der Text von Buchmalern (Illustratoren) mit Bildern, Ornamenten und Initialen ausgeschmückt. Das hohe kalligrafische Niveau und die malerische Gestaltung der Handschrift B deutet auf Mönche als Bearbeiter, denn zum Zeitpunkt der Entstehung beherrschten, mit ganz wenigen Ausnahmen, ausschließlich Mönche die Kunst der Buchmalerei und Kalligrafie. In den Skriptorien (Schreibschulen) der Klöster arbeiteten vor allem im frühen Mittelalter die Mönche fast ausschließlich für den Bedarf der eigenen Klosterbibliothek. So wurden ganze Manuskripte und Bücher von den Mönchen in Gemeinschaftsarbeit kopiert und übersetzt. Aber auch für kirchliche und adlige Kreise wurden mit Miniaturen und Initialen verschönerte Handschriften vereinzelt hergestellt. Für ein gefälligeres Schriftbild wurde schon frühzeitig damit begonnen, die Initialen in Texten zu verzieren. Die Initialmalerei wurde im Laufe des 11. und 12. Jahrhunderts insbesondere in den Klöstern immer weiter verbessert und verfeinert. Die Skriptorien mancher Klöster (z.B. Echternach, Reichenau) erlangten hier eine hohe Kunstfertigkeit und entwickelten sich zu wahren Zentren der Buchmalerei.

Ab ca. 1200 sorgten Universitätsgründungen für eine steigende Nachfrage nach Büchern, was wiederum die Entwicklung auch weltlicher Schreibstuben förderte. In diesen wurden auch Initialen künstlerisch gestaltet, Die hohe Kunst der Initialmalerei blieb jedoch noch lange Zeit den Klöstern vorbehalten. Den Text der Handschrift B schmücken 37 Initialen, vier davon zeigen eine Figur im Binnenfeld. Die Eingangsinitiale zeigt einen in leuchtendes Rot gekleideten Mann, dessen linke Hand die Geste des Redeanfangs zeichnet, Daumen und Zeigefinger bilden einen Kreis.


Der Mann trägt eine rote Kutte über einem weißen Untergewand, welches bis zu den Handknöcheln reicht. Die Kutte ist seitlich mit einer gestickten oder gewirkten, mehr oder weniger breiten, rötlichen Borte (Saum) besetzt und wird von einer weißen, verknoteten Kordel zusammengehalten. Sie schließt oben um die Brust und lässt den Hals frei; Am Rücken ist der Ansatz einer Kapuze zu erkennen. Die Kutte ist seitlich mit einer gestickten oder gewirkten, mehr oder weniger breiten, rötlichen Borte (Saum) besetzt. Der Mann hat lange Haare und einen Kinnbart. Als Kopfschmuck erkennt man eine Corona. Die Corona war im Mittelalter wiederholt als priesterliche Haartracht vorgeschrieben und steht in Beziehung zu der Sitte, dass die Herrscher im Diadem auftraten und die Ritter mit Stirnreifen geschmückt gingen. Kleidung und Haartracht deuten auf einen Angehörigen einer Ordensgemeinschaft (Mönche) hin. Mittelalterliche Mönche in den Klöstern trugen in der Regel ein solches Habit (Tunika, Kutte), die mit einem Zingulum (Gürtel) gebunden wurde. Das Zingulum mancher Ordensleute war ein einfacher Strick oder Kordel, oft in weißer Farbe. Mönche älterer Orden (z.B. Zisterzienser) hatten auch lange Haartracht und Bart. Die rote Farbe der Kutte wirft jedoch Fragen auf. Die Farbe Rot galt als Kaiserfarbe. Auf der Provinzial-Synode zu Narvonne (589) wurde angeordnet: Kein Geistlicher darf Purpur Kleider tragen; dies ziemt sich für Fürsten, nicht für Religiöse (Kleriker und Mönche). Mönche in christlichen Klöstern trugen auch nicht so auffällige Kutten. Als Farben waren vor allem Schwarz, Weiß, Braun, Grau oder Dunkelblau verbreitet. Möglich erscheint aber ein Abt. Mittelalterliche Abbildungen zeigen, die Äbte manchmal auch grünliche, rötliche oder blaue Kutten trugen. Die Tunika als Kleidungsstück darunter war gelblich oder weißlich. Die rechte Hand der Figur der Eingangsinitiale in der Handschrift B stützt den Querbalken des Buchstabens E, der die erste Strophe der ersten Aventiure einleitet: "En Burgonden ein vil edel magedin". Die einleitenden Strophen der verschiedenen Handschriften unterscheiden sich. Der Anfang mit dem bekannten Vers „uns ist in alten Mæren“ fehlt in B, steht aber in A und C. Der Urtext des Nibelungenliedes hat daher also wohl ohne diese Einleitung begonnen mit "En Burgonden ein vil edel". Die verschiedenen Handschriften unterscheiden sich stark in ihrer äußeren Form. Handschrift C weist nur eine Spalte auf, die Handschriften A und B platzieren ihren Text zweispaltig. Diese platzsparende Darstellung lässt auf Mönche als Bearbeiter schließen, da der damals einzig verfügbare beschreibbare Stoff Pergament kostspielig war. Das Pergament wurde bis ins 10. Jahrhundert aus Tierhäuten gewonnen und noch bis ins 12. Jahrhundert hinein in den Klöstern selbst hergestellt. In den Klöstern machte man ja Abschriften nicht nur aus Liebhaberei, sondern auch um Geld durch den Verkauf zu gewinnen. Deshalb durften die Herstellungskosten nicht zu hoch werden. Bücher vom Umfang des Nibelungenliedes konnten deshalb nicht einfach nach Lust und Laune eines Autors verfasst werden. Pergament war ein zu kostbarer Stoff, als dass er sich zum Volksgebrauch geeignet hätte; er bewahrte das ganze Mittelalter bis ins 12. Jahrhundert hindurch einen gewissen klerikalen Charakter und war hauptsächlich der Grund, dass die Kenntnis der Schrift so lange Zeit auf die religiösen Stände beschränkt blieb.


Beim Nibelungenlied ist zu unterscheiden zwischen dem Original, der Urfassung und den Handschriften. Der in der Handschrift B genannte Ort Lochheim, ist, wie die archäologischen Funde eindeutig belegen, eine Gründung des 7. Jahrhunderts und dürfte dem Urdichter des Nibelungenliedes bekannt gewesen sein, da die Verschriftlichung des mündlichen Originals erst wesentlich später im 10. Jhd. erfolgte. Der Urdichter des Nibelungenliedes und Verfasser des Originals hat die überlieferten Geschichten zu Pergament gebracht. Er hat sie nicht etwa erfunden, sondern einen überlieferten Erzählstoff verarbeitet, der damals schon mehrere Jahrhunderte alt war. Der Stoff wurde danach wiederholt dichterisch verändert, beinhaltet aber auch schlichtes Faktenwissen, das in früheren Jahrhunderten von Generation zu Generation unverändert weitergegeben wurde, und zwar mündlich, ohne das Hilfsmittel der Schrift. Bei der Urfassung des Nibelungenliedes handelt es sich vermutlich um eine präzise Abschrift des Originals. Indem der unbekannte Schreiber, wahrscheinlich aber ein Mönch, den überlieferten Stoff des Originals ins Mittelhochdeutsche übersetzte, schuf er im 12. Jahrhundert die sog. Urfassung, die dann wahrscheinlich erst Anreiz und Grundlage für die verschiedenen Handschriften war. Die Schreiber der Handschriften A, B und C haben die Urfassung dann später erstmalig einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht. Auch die dieser Arbeit zugrunde liegende Handschrift B, wurde vermutlich von Angehörigen einer religiösen Ordensgemeinschaft (Mönche) verfasst. Die Mönche haben die Urfassung des Nibelungenliedes dabei originalgetreu abgeschrieben. Also wurden auch die Ortsbeschreibungen in der Handschrift B wahrscheinlich unverändert aus der Urfassung übernommen, bzw. lediglich geografisch in die den Bearbeitern bekannte Welt eingeordnet.


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